Wolle im MärchenMärchen sind uralte Geschichten, die in der heutigen Zeit immer noch beliebt sind – und das nicht nur bei Kindern. Den meisten Deutschen sind die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ein Begriff. Die Brüder Grimm sammelten diese Märchen hauptsächlich bei Frauen in ihrem Bekannten- und Freundeskreis. Geschichten zu erzählen, in der Küche oder bei der Handarbeit, das war lange Zeit ein eher weibliches Metier. Dies geschah oft, während Frauen Wolle spannen oder ähnlichen Tätigkeiten nachgingen. Diese Aufgaben waren aber ein alltägliches Geschäft der Frauen und in einer Gesellschaft ohne Technik auch lebensnotwendig. Deswegen fanden alltägliche Verrichtungen auch Eingang in viele der heute überlieferten Märchen.

Wolle bei den Gebrüdern Grimm

Wolle kommt in der Sammlung der Brüder Grimm in mehreren Märchen vor: Dornröschen, Rumpelstilzchen und Frau Holle. Das Spinnen von Garn oder Wolle ist in den Märchen immer die Aufgabe von jungen Frauen im heiratsfähigen Alter. Der Vorgang des Spinnens stellt den Übergang vom Mädchen zur Frau dar. Oft ist das Spinnen eine Bewährungsprobe, bevor die junge Frau in die Ehe eintritt.

Märchen handeln in der Regel von der Initiation der jungen Frau oder des jungen Mannes. Die junge Königin in Rumpelstilzchen muss Stroh zu Gold spinnen und auch das Mädchen, das bei Frau Holle Arbeiten verrichtet, spinnt, bevor es in den Brunnen fällt. Dornröschen wird zur Frau bzw. heiratsfähig, als sie sich an einer Spindel sticht. Das erste Blut des Mädchens spricht eine deutliche Sprache. Sie erfährt den Übergang vom Mädchen zur Frau. Dies geht, wie die Frauen wissen, nie ganz ohne Schwierigkeiten oder Schmerzen vonstatten.

Die Verbindung des Spinnens mit der Pubertät ist nicht ganz abwegig, ist das das Spinnen doch eine der ältesten Tätigkeiten der Frauen. Seit der Antike und noch früheren Zeiten gibt es Abbildungen von spinnenden Frauen. Auch Eva wird spinnend dargestellt und es gibt in jedem Kulturkreis spinnende Schicksalgöttinen, die den Faden des Lebens aber auch durchtrennen können.

In der Regel ist es so, dass jeder lebenswichtige Bereich des Alltags auch eine symbolische Bedeutung aufweist. Die Bedeutung des Spinnens in einer Gesellschaft, in der man Wind und Wetter mehr ausgesetzt war als heute, ist offenkundig.